Noch'n Text

         Alles Fremdverschulden oder was???

Beim verschlafenen Hantieren an der Espresso- Maschine fällt einein der Nähe stehende Zuckerdose um. Zucker rieselt über die Arbeitsplatte auf den Fußboden. Ein Fluch dringt durch die morgendliche Stille: „ Was hat hier eine Zuckerdose zu suchen, welcher Depp hat die überhaupt hingestellt?“

Im tierärztlichen Alltag kann man ähnliche Reaktionen beobachten.

So ist es einer hundeerfahrenen Kollegin während meines Urlaubs nicht gelungen einer 15 Monate alten Rottweiler Hündin eine Anti- Baby Spritze zu verabreichen. Nach Angaben der Besitzerin soll die Hündin in Anschluss an eine Untersuchung mit Fiebermessen eine Tierarztphobie entwickelt haben. Ich kannte die Hündin seit ihrer 8. Lebenswoche und von einem derartigen Vorfall war mir nichts bekannt. Da in dem Haushalt noch ein fortpflanzungsbereiter Rottweiler Rüde gehalten wurde, startete ich nach meinem Urlaub eine erneute Annäherung, lediglich mit den üblichen Leckerli bewaffnet. Zum Glück war die Hündin angeleint und ich sportlich genug zurückzuspringen. Auf einen weiteren Behandlungsversuch in meinem neutralen Garten bin ich trotz einer bestehenden Lebensversicherung nicht mehr eingegangen. Die Hundebesitzer sind anschließend verzogen, daher kann ich leider über den weiteren Verlauf nichts berichten. Vielleicht hat die Hündin mit ihren Genen auch das Verhalten- trau keinem Tierarzt, friss ihn lieber- inzwischen weitergegeben.

Ein Rodeo auf dem Behandlungstisch ist ebenso ein tagtägliches Problem.

Nur unter dem Einsatz von Dompteurfähigkeiten kann die gewünschte Behandlung durchgeführt werden. Nicht selten gehen dabei Praxiseinrichtung, eigene Körperteile und Vertrauen zu Bruch.

Welche(r) Kollege (in) ist nicht schon einmal beim Abtasten  Fiebermessen, Ohrenkontrolle von dem untersuchten Hund beinahe k.o. geschlagen oder angefressen worden. Auch ist die in die Offensive gehende ängstlich spuckende, fauchende Katze ein erhebliches Gesundheitsrisiko.

Obwohl es sich hierbei- nach Ansicht der Tierhalter- um das Berufsrisiko eines Tierarztes handelt, werden doch gelegentlich Entschuldigungen vorgebracht: schlechte Erfahrungen bei Kollegen, die das arme Tier regelrecht gequält haben müssen - schrecklicher Geruch in der Praxis - vielleicht auch die Anwesenheit eines Tierarztes überhaupt. Manchmal ist auch eine schlechte Kindheit schuld und daran kann man ja sowieso nichts mehr ändern.

Es ist verständlich Scheuklappen gegenüber Problemen zu tragen, die das geliebte Haustier verursacht.

Wer oder was ist schuld?

Hauptsächlich in der Sozialisationsphase ( Hunde bis max. zur 16. Woche, Katzen etwas kürzer) aber auch danach müssen viele Eindrücke gesammelt werden, um die Voraussetzung zur Verarbeitung weiterer Erfahrungen im gesamten Leben zu gewährleisten.

Dies bedeutet: u.a. Kontakt zu Tieren gleicher oder anderer Art, zu Menschen, zu Umweltreizen.

Je nach Tierart und Haltung müssen die einzelnen Sinneseindrücke gefördert werden.

Für die Bindung an Menschen spielt auch das Handling am Körper eine wichtige Rolle.

Es bedarf ein gutes Vertrauensverhältnis und Training , Hund und Katze daran zu gewöhnen, ein Fieberthermometer zu tolerieren, eine Ohren- und Maulkontrolle zu dulden und den gesamten Körper abtasten und begutachten zu lassen.

Das Zauberwort hierfür ist: positive Verstärkung.

Eine Erfahrung die mit Annehmlichkeiten verknüpft wird, kann leichter gelernt werden. Jegliche Negativerfahrung bei diesem Training sollte vermieden werden, da Stress Lernen behindert. Tips erhalten Sie sicher auch in Ihrer Tierarztpraxis. Die Übungen erleichtern nicht nur dem Tierarzt die Arbeit, sondern ersparen dem Besitzer manch einen Praxisbesuch.

Haben Sie Ihr Tier nach Abschluss der Sozialisationsphase oder vielleicht als Second - Hand Hund/ Katze mit unbekanntem Vorleben aufgenommen, so ist es nicht aussichtslos an einem unerwünschten Verhalten zu arbeiten. Es ist durchaus nicht immer die misshandelte Katze, die spuckend aus einem Katzenkorb herausprügelt. Vielleicht ist sie mit der unbekannten Situation überfordert und hat einfach nur Angst. Zu Hause zeigt sie keinerlei Aggression, da sie dort unbehelligt vor sich hinleben darf. Ebenso kann der auf dem Behandlungstisch um sich geifernde Hund zu Hause freundlich sein, da die Besitzer– gut dressiert- seinen Wünschen nachgehen und nie etwas von ihm verlangen.

Auch Frustrationstoleranz muss erst erlernt werden. Mutterlos aufgezogene Welpen erhalten meist bei der geringsten Lautäußerung das erwünschte Fläschchen- keine Hündin oder Kätzin käme auf diese Idee. Für das weitere Leben entsteht hierdurch eine Erwartungshaltung, die nicht erfüllt werden kann. Hysterieähnliches Ausrasten bei geringster Belastung kann die Folge sein. Verweigern Sie ihrem Flaschenkind den mütterlich übertriebenen Gehorsam, so wird es lernen mit dieser und anderen Frustrationen umzugehen.

Ebenso wenig wie die zu Beginn dieses Artikels beschriebene Zuckerdose oder ein Haushaltsmitglied schuld an ihrem Ausschütten ist, so sind ausschließlich negative Vorereignisse an den unangemessenen Auftritten der Tiere in Tierarztpraxen schuld.

Versuchen sie ehrlich gegen sich und ihr Tier zu sein und sie werden feststellen:

                               Der Tierarzt ist nicht immer der Täter!

 

                                          

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